Dienstag, 18. Mai 2010

Bericht aus einer Kindheit

Weil er die Geige spielte wie ein Engel,
Vorausgesetzt, dass Engel Geige spielen,
Gehörte ihm mein halberwachtes Herz
Mit seinen höchst verwirrenden Gefühlen.

Vom Reich der Kindheit offiziell verbannt,
Das Tor zur Welt der Großen noch versperrt,
So schwebte ich in meinem Niemandsland
Und lebte für ein Violinenkonzert.

Da saß ich denn in der Philarmonie
Und schämte mich der dummen fünfzehn Jahre.
Das Schottenröckchen reichte kaum ans Knie,
Und auf dem Podium stand der Wunderbare

Und musizierte sich stracks in mein Leben,
Trug seinen Namen in mein Schicksal ein.
Mama im schwarzen Taft saß dich daneben
Und ahnte nichts. Und ich war so allein.

So einsam war die Welt in jenem Herbst.
Die Ahornbäume sandten ihren herben
Oktoberduft zum Abschied in den Park.
Ich lernte damals unauffällig sterben.


(Mascha Kaléko)

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